Europa in der Umklammerung von Glaube und Macht

 















2000 Jahre Christentum in Europa,
die Allianzen der Mächtigen
und die Wirkung von Religiosität

Die Machtverhältnisse in Europa sind über alle Epochen hinweg in engem Zusammenhang mit Glaube und Religion zu sehen.
Regenten und Kirche pflegten sich die Instrumente zur Machterhaltung gegenseitig in die Hand zu geben. Land und militärischer Schutz, verbunden mit der einen oder anderen netten Schenkung, im Gegenzug zu einer Krone mit göttlicher Salbung, ein wenig Segen und das Versprechen des dazugehörigen Seelenheils - das waren die Rohstoffe, aus denen sich trefflich ganze Dynastien schmieden liessen.
Ein paar eingängig formulierte Glaubenssätze festigten die Strukturen, besonders dann, wenn mit Paradies gelockt und mit Hölle gedroht wurde.

Für ein Volk ohne nennenswerte intellektuelle Bildung ist das schon genug des Bemühens um Anerkennung eines Herrscheranspruchs. Freie Wahlen nach dem Vorbild heutiger Demokratien waren alleine schon bedingt durch Informationsdefizite wenig sinnvoll. Für einen Regierungswechsel genügten oft einige gut geplante Intrigen oder die bewährte beschleunigte biologische Lösung.

Die Folgen religiös motivierter Wahlen, deren Ausgang wir Alle als demokratisches Votum zu betrachten haben, lassen sich in weiten Teilen der Welt beobachten. So gesehen wäre der Souverän des mittelalterlichen Europas für derlei Entscheidungen ohnehin nicht reif gewesen.

Religiosität ist eine ureigene Besonderheit des Menschen. So käme wohl kein Vieh auf die Idee, das Leben nach irgendwelchen fernen Mächten auszurichten. Vielleicht ist dies die Last eines zu gross geratenen Hirns, welches stets dazu neigt, Wissens- und Erklärungslücken füllen zu müssen und in allen Geschehnissen der Welt einen tieferen Sinn erkennen zu wollen. Eine freundliche Erklärung hierfür ist das Streben nach Kultur, unfreundlichere Zeitgenossen sprechen aber auch gerne mal von einem, nur dem Menschen eigenen, Gendefekt.

Festzustellen ist in jedem Falle, dass Religionen seit Bestehen der Menschheit diese begleiten.
Überlieferungen bezüglich religiöser Praktiken in Textform bestehen erst seit christlicher Zeit, was zuvor stattfand stützt sich weitgehend auf Interpretationen literarischer Quellen in Form von Episoden aus den Götterwelten.

Die noch älteren Verehrungspraktiken lassen sich anhand alter Zeichnungen erahnen oder werden aus der Gestaltung vermuteter Kultorte sowie aus Funden hergeleitet, die einem religiösen Gebrauch zugeordnet werden.

Wie sich Religionsausübung vor tausenden von Jahren in der Praxis zeigte, ist spekulativ. Feststeht, dass es sie gab. Und weil es sie schon immer gab, musste sie ja wohl auch zu irgendetwas nütze sein.
Zweifelsfrei nützlich war Religion stets den Göttern, denn bis heute existieren sie, unter verschiedensten Namen und einer mehr oder minder freiwillig wechselnden Anhängerschaft.

Praktisch alle relevanten Religionen sind expansiv, oft gar imperialistisch, hierarchisch und im höchsten Masse undemokratisch. Religionen bedürfen keines Ismus' , sie sind bereits in ihrer Grundform radikal und freiheitsverachtend. Individualität ist ihnen zuwider, der Gemeinschaftsgedanke ist stets überlagert von gemeinsamen Feindbildern, die es zu dominieren gilt. Sie stehen im Gegensatz zu Wissenschaft und Aufklärung - mit der Mehrung breiten Wissens schwindet die Pfründe des Glaubens.

Dass der Mensch zu dauerhaft religionsfreiem Leben anscheinend nicht imstande ist, zeigt sich in der sofortigen Schaffung von Ersatzreligionen, sobald traditionelle Formen des Glaubens an Boden verlieren. Rein weltlich orientierte Entwicklungen nehmen alsbald religiöse Züge an und entwickeln schnell die gottgleiche Verehrung einer weltlichen Führerpersönlichkeit oder zeigen sich als Konsum-, Wachstums- bzw. BIP-Religion. Der Ideenreichtum bei der Schaffung neuer Glaubensrichtungen scheint unerschöpflich und zieht sich als Kontinuum durch die Menschheitsgeschichte.

Mit dem Schwinden von Erklärungslücken bezüglich natürlicher Ereignisse, verloren die einstmals so zahllosen und fachspezifisch hochqualifizierten Götter ihren Platz im Portfolio der Zuständigkeiten. Eine naturwissenschaftlich fundierte und logisch unumstössliche Erklärung für die einen oder anderen Wetterphänomene schaffte berechtigte Existenznöte für Regen-, Blitz- und Donnergötter.
So schwand alsbald nicht nur die Macht der gesamten Meteorologischen Abteilung im Kreise der angebeteten Experten. Die Luft für Fachgottheiten wurde zusehends dünner.

Die genialste Antwort auf diesen Machtverlust war die Erfindung des Monotheismus. Nun konnte man selbst noch den letzten verbliebenen Rest der Unerklärbarkeiten diesem einen Gott in den Schoss legen, komme, was da wolle. Die Götterwelt war fortan wenigstens partiell gerettet und bestens gerüstet gegen alle künftigen Attacken seitens neuer weltlicher Erkenntnisse.

Die westliche Welt teilen sich in heutiger Zeit ein paar wenige Religionen, wobei die bedeutenden monotheistisch ausgerichtet sind. Christentum und Islam sind hier die am weitesten verbreiteten Religionen.

Schon sehr früh erreichte das Christentum Teile Europas. Erste Nachweise ergeben sich aus dem 1. Jahrhundert nach Chr.
Nach rund 500 Jahren erstreckte sich sein Einfluss auf wesentliche Gebiete Nordwest-Europas, westlich des Rheins und südlich der Donau sowie die Länder rund um das Mittelmeer und tief in den Orient. Der Solare Monotheismus unter einem Römischen Konstantin zeigte die geeignete Konversionsfähigkeit, und so war es auch für diesen Teil des "Alten Roms" keine markerschütternde Weltbildänderung, sich im 4. Jahrhundert dem Christentum zuzuwenden.

In Mitteleuropa hielten unter anderem zahlreiche Germanische Stämme an ihrer Göttervielfalt fest. Das verlor sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte, sodass im mittelalterlichen Europa eine vollständige Christianisierung erreicht wurde.

Die Bildungsferne der breiten Bevölkerung liess viel Raum für Erklärungen einfachster Phänomene durch glaubensgestützte Erkenntnisse. Wo sich kein Wissen findet, hat der Glaube leichtes Spiel. Je umfangreicher die Unkenntnis, um so tiefer kann das Glauben wurzeln. Und von dieser Unkenntnis gab es im Mittelalter mehr als genug.

Die tiefe Verankerung von Gläubigkeit und Frömmigkeit, ermöglichte Machtstrukturen, deren Legitimation nicht mehr hinterfragt wurde, sobald sich eine offensichtliche Verbindung zum Klerus zeigte. Der Segen eines Papstes war andererseits gesichert, wenn Regenten sich der Kirche in ausreichendem Masse andienten.
Die Allianzen zwischen Kirche und Politik setzten sich bis in unsere Neuzeit fort und können nur mit grossem Wohlwollen heute als überwunden gelten.

Der Islam, welcher noch heute gut in diese Gesellschaftsordnung von einst passt, gab ab dem 8. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel ein Gastspiel bis zur "Reconquista“ des 13. bis 15. Jahrhunderts. Danach dominierte wieder der Christliche Glaube.








Anm. d. Red.
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Religiöse Umbrüche im Abstand weniger Jahrhunderte ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte und scheinen ein unabwendbarer Teil der Existenz dieser Spezies zu sein. Bisher ist es jeder Generation gelungen, unter den jeweiligen Glaubensdiktaten der Zeit zu leben und zu überleben. Unangenehm ist stets nur der Umbruch, nach der Verbreitung eines neuen Glaubens ist dann alles wieder bestens. Wie sonst wäre es erklärbar, dass es der Menschheit bis heute nicht gelang, sich dieses Strebens nach Religionen zu entledigen.

So wie derzeit das abendländische Christentum seinem Untergang entgegensieht, taten es schon viele Religionen zuvor. Die nun kommende Heilslehre wird ihr Mittelalter feiern, um dann letztlich auch wieder Platz zu schaffen für eine neue, noch tollere, noch bessere und noch erstrebenswertere Glaubensrichtung.

Götter kommen und gehen, das Glauben bleibt.

Religion eignet sich bestens, politische Verhältnisse zu legitimieren. Herrschaftsansprüche wurden gerne mit dem Gottesgnadentum begründet. Die oft unselige Allianz weltlicher und kirchlicher Macht geriet erst mit dem Aufkommen aufklärerischen Denkens ins Wanken.
Die Aufklärung stellte ab dem 17. Jahrhundert die seitherige Legitimation durch höhere Wesen infrage.
Der Paulusbrief an die Römer sollte fortan ausgedient haben.

Bis dahin war dieser eine bequeme Rechtfertigung des eigenen uneingeschränkten Machtanspruches.
Auszug :
1 - Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.
2 - Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.
3 - Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben.
4 - Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.
5 - Darum ist's not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen.

Aus heutiger Sicht mag es befremdlich anmuten, dass eine Gesellschaft diese unreflektierte Unterordnung akzeptierte. Aber es war die Zeit bis zum 17. Jahrhundert des Bestehens eben dieser Christlichen Religion. Wenn wir heute so gerne vom "Christlichen Abendland" sprechen, meinen wir zumeist das "aufgeklärte Abendland". Besonders im politischen Sinne hat unsere Gesellschaft nur noch wenig mit einem Christlichen Staatswesen gemein. Kaum jemand kann sich einen Christlichen Gottesstaat noch vorstellen, geschweige denn wünschen. Unsere derzeitigen Europäischen Gesellschaften sind von Laizismus und Aufklärung geprägt. Die Herrschaft ohne ein Gottesgnadentum muss dennoch nur als Episode der Geschichte gewertet werden, sahen sich doch letzlich alle Kaiser mit Gott an ihrer Seite.

Somit blicken wir bestenfalls auf knapp 100 Jahre gottfreien Regierens zurück. Und selbst diese kurze Zeitspanne neigt sich bereits dem Ende. Verstärkt nehmen religiös motivierte Politgrössen ihre Positionen ein, um in Europa beim Weg zu neuen Gottesstaaten die Weichen zu stellen.

Wer dies bedauert, möge doch zunächst prüfen, ob er selbst jemals bedacht hat, dass bereits die breite Akzeptanz viertelstündlichen Dongens und regelmässigen Bimmelns die Wege ebnete für die Forderung anderer Glaubensrichtungen nach Gleichberechtigung.
Wer rund tausend Glockenschläge täglich noch als kulturelles Erbe preist, sollte sich der Kritik an täglich mehrmaliger Kulturbereicherung von Turmspitzen besser enthalten, schliesslich erfolgt diese akustische Anspruchsbekundung unterhalb der gegebenen Grenzen des Immisionsschutz-Gesetzes.

Zur Akzeptanz solcher religionsbedingter Umtriebe kann die Ausschaltung weiter Hirnareale hilfreich sein. Wem dies selbst mittels regelmässiger Gehirnwäsche nicht gelingt, der wird zwangsläufig immer wieder an persönliche Grenzen der Glaubensbereitschaft stossen. Religiöser Wahn fällt besonders in den bildungsfernsten Kreisen auf fruchtbaren Boden. Schwachsinn zu verbreiten ist intellektuelle Höchstleistung, ihn zu glauben, ist eine bequeme Art, dem Hirn möglichst viel Ruhe zu geben.

Unsere Gesellschaft hatte Jahrzehnte lang Zeit und Gelegenheit, die Macht der Kirchen und der Religionen über unseren Alltag zu thematisieren. Selbst Parteinamen mit klar erkennbarer Religionsnähe waren nicht nur akzeptiert, sie waren sogar mehrheitsfähig. Haben wir all die Zeit die Grundsätze des Laizismus' überhaupt begriffen ?

Geradezu verbissen verteidigt noch heute vor allem die Landbevölkerung den viertelstündlichen Gong vom Kirchenturm. Akustisch nahezu flächendeckend überzieht der Glockenton gesamt Europa, als müsse man immernoch das exclusive Nürnberger Ei zum Zwecke der Zeitanzeige besitzen. War es im 16 Jahrhundert noch eine durchaus sinnstiftende Einrichtung, ist die Zeitangabe mittels Glockenschlag beim technischen Stand der Neuzeit eher eine Groteske.
Diesbezügliche Possen eines Don Camillo und dessen geliebtem Widersacher Peppone machten bereits deutlich, dass die glockengestützte Zeitangabe nicht nur Informations- sondern auch Machtpotential hat. So sind Glaubensvertreter seit Jahrhunderten stets vernehmbar Herr über die Zeit. Zeit ist Leben, folglich beherrscht der Ansagende das Leben Aller, ruft sich ständig in Erinnerung und schlägt letztlich sogar noch zur letzten Stunde inclusive der weithin hörbaren Begleitung auf dem Letzten Wege.

Der verbitterte Kampf, der seit Jahrzehnten um den geheiligten Sonntag geführt wird, ging für beide Seiten verloren. Das dogmatische Festhalten an einem gesetzlich geregelten Ruhetag entspricht schon lange nicht mehr der Arbeits- und Lebensrealität. Dennoch bedarf es immernoch gesetzlicher Regelungen, obwohl Gesetze in irdischer Kompetenz zu liegen haben. Wie sollen in einer religiös-pluralistischen Gesellschaft die Jahreskalender aussehen, wenn jede Glaubensrichtung gesetzlich verbriefte Rechte einfordert ? Immernoch beherrschen kirchliche Vorgaben und Befindlichkeiten den Tages- und Jahresablauf - und das über 2 Jahrhunderte nach der "Entdeckung der Weltlichkeit".

Nun kommt die Rechnung für genau diese Versäumnisse. Religionsstaaten feiern "fröhliche Urständ". Die neue Religionsmacht stützt sich dann wieder auf bewährte gottgegebene Texte, wie sie sich nur marginal vom schon oben erwähnten Paulusbrief unterscheiden. Das verteidigungslose Zurückweichen unserer als zu weltlich empfundenen Gesellschaft wird sehr bald gar dem Letzten erkennbar sein, und dennoch werden wir uns Alle für den Frieden entscheiden und diesem Weg wie Lämmer folgen.

Europa bekommt damit aber auch eine neue Chance. In etwa 200 Jahren kommt vielleicht auch wieder ein 17. Jahrhundert, mit etwas Glück endet dann sogar die Religionsbesoffenheit, vielleicht besteht auch wieder die Aussicht auf eine aufklärerische Bewegung, vielleicht finden sich auch wieder ein paar Gesellschaftsphilosophen mit dem Mut, frei zu denken. Und vielleicht macht die dann massgebliche Generation mehr daraus.

Wir, die wir die Gesellschaft in den letzten Jahren formten, haben darin jedenfalls heftig versagt.






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